Richtigstellung

Rudolf Trossen, Bio-Winzer, Mitglied Bündnis 90/Die Grünen und BI Pro-Mosel
an die Delegierten der rheinland-pfälzischen Grünen

Neuwied, 8. Mai 2011

Liebe Freundinnen und Freunde,

als einer der wenigen Mitglieder unserer Partei in der Bürgerinitiative möchte ich zu dem derzeitigen Dissens bzgl. des Baus des Hochmoselübergangs folgendes richtig stellen.

Mit großem Bedauern, ja mit Bestürzung haben wir die Entscheidung unserer Verhandlungskommission zur Kenntnis genommen, gemeinsam mit der SPD die B50neu inc. Hochmoselübergang weiter zu bauen. Dieser Entscheidung liegt offensichtlich eine Fehlinterpretation zu Grunde.

Keineswegs handelt es sich hier um ein “regionales Verkehrsprojekt“ wie unser Pressesprecher glaubt. Vielmehr steht die Brücke in der nationalen wie internationalen Berichterstattung über rlpf. Vorgänge im Focus der Medien. Seit zwei Jahren. Wann hat je ein „regionales Verkehrsprojekt“ eine derartige Aufmerksamkeit in den Medien erhalten wie dieses. Über die eigentliche Weinfachpresse im In-und Ausland hinaus, haben große nationale Zeitungen und Magazine wie der SPIEGEL, ZEIT, FAZ, TAZ, FR, Tagespiegel, WELT, FOCUS usw. und internationale Presse wie Guardian, Financial Times, Independent bis hin zur New York Times, unserem Kampf gegen ein antiquiertes, überflüssiges und extrem schädliches Bauwerk sehr große Aufmerksamkeit gespendet. Das ist einmalig. Vielleicht weil es eben nicht ein „regionales Verkehrsprojekt“ ist sondern ein unfassbares, jenseits der Region nicht vermittelbares Attentat auf die Weinkultur insgesamt darstellt, ja vielleicht sogar ein weltweit bekanntes Symbol für eine irregeleitete Verkehrspolitik geworden ist, ein Affront gegen die Modernität, die weiß, dass sie ihre Ressourcen schützen muss.

Irregeleitet in dem Sinne, dass in Funktionärskreisen und Planungsstäben rein quantitativ gedacht wird. In dem Sinne wurde auch Minister Hering zitiert, es käme auf ein paar Weinberge an der Mosel doch nicht an. Die Besucher und Gäste der Mosel denken aber nicht rein quantitativ, sondern haben ein inneres Erlebnis an allem, was ihre Sinne mit Schönheit und Ästhetik in Berührung kommen lässt: der Qualitas. Hier ist es die Anmut der Flusslandschaft, die Vielheit der Farben, das Licht, der stete Wechsel der Perspektiven und Panoramen. Es gibt Landschaften, die sind einfach zu schön, um sie für profane Zwecke zu entweihen. Es gibt Landschaften und Ökosysteme, die keine derartigen Eingriffe verzeihen. Die Qualität schwindet. Langeweile macht sich breit. Banalität eben. Ob die Profanisierung von Kulturschätzen- und Landschaften ein Indikator für die Reife einer Zivilgesellschaft ist?

Hugh Johnson, der Welt meistgelesener Weinjournalist, reiste eigens und auf eigene Kosten an die Mosel, um sich mit bewegenden Worten gegen die „Banalisierung“ dieses Tales und die Gefährdung der berühmtesten deutschen Weinlagen zu wenden. Er sprach für ein weltweites Publikum, und wirkt mit uns in dieser internationalen Bürgerinitiative. Auch das ist einmalig in Rheinland Pfalz. Die Weinberge rund um den Moselsporn sind ein von Menschen und Natur geschaffenes Landschafts-Kulturgut von Weltrang. Ein wirkliches Weltkulturerbe. Deshalb kommen die Menschen in Scharen, deshalb wurde von allen deutschen Anbaugebieten nur die Mosel zu den 10 bedeutendsten Weinbaugebieten der Welt gewählt. In der ganzen Welt schwärmen die Weinkenner von der verspielten Duftigkeit, der Eleganz und Finesse, der filigranen Frucht und delikaten Säure dieser einzigartigen Gewächse. An Mosel und Saar wuchsen vor 100 Jahren die teuersten Weißweine der Welt. Wir reden hier nicht von irgendwelchen Lagen, sondern von der „Sixtinischen Kapelle des Rieslings“. Im Petersdom würde auch kein Installateur für eine Wasserleitung einfach so mal ein paar Löcher in die Wand stemmen. Doch so was wird hier einfach gemacht. Es ist ein Sakrileg, dieses Kulturgut anzutasten. Das empfinden viele Menschen und sind zu Recht empört.

Diese Wein-Qualität erwächst durch das subtile Zusammenspiel zwischen der Hitze des Tages und Kühle der Nacht. Diese Spannung gilt es auszuhalten, das macht die Reben stark, der Schiefer den Geschmack stahlig, mineralisch und intensiv. Die Basis dieses Wunders sind die enorme sommerliche Lichtfülle der nördlichen Regionen und die stabile Wasserzufuhr dieses Weinberges durch das stetig nachsickernde sog. Lateralwasser. Dieses eingespielte Ökosystem ist so besonders, so fragil, so kostbar, das darf man doch ohne Not nicht leichfertig aufs Spiel setzen und 60 Meter breite und 15 Meter tiefe Beton-Rampen in den Berg brechen. Über die möglichen Folgen, auch wirtschaftliche, dieses Eingriffes für die Wasserführung gibt es erstaunlicherweise kein Gutachten!!

Auf der anderen Moselseite bei Ürzig sind die geologischen Verhältnisse noch anders, so ganz eigen, dass eine Geografin, die über die Entstehung der Mosel promoviert hat, postuliert hat, dass es an der ganzen Mosel keinen dümmeren Platz gäbe, eine solche Riesenbrücke zu bauen als dort. Wieso? Genau an der geplanten Baustelle für die nördlichen Pfeiler befindet sich die Abrisskante einer antiken tektonischen Verwerfung. Die einzige von Trier bis Cochem. Das Rheinische Schiefergebirge ist dort 400 Meter abgerutscht. Der Rutschhang hat sich dann mit zerbröseltem Gestein gefüllt.

An dieser Stelle eine riesige Brücke zu bauen, mit Pfeilern, höher als der Kölner Dom, bezeichnen selbst zurückhaltende Ingenieure als „anspruchsvoll“. Es müssen mindestens 40 Meter tiefe Fundamente gebohrt werden usw. Die Kosten werden ganz sicher erheblich steigen, voraussetzt, es gelingt überhaupt, Standfestigkeit zu erreichen. Im Planfeststellungsbeschluß, der ja die rechtliche Vorrausetzung für den Bau darstellt, wird die Verwerfung und ihre Risiken mit keinem Wort erwähnt. Das ist ebenfalls sehr erstaunlich und regt zu Nachfragen an.

übrigens: das schon gebaute AKW Mülheim Kärlich wurde unter derselben Missachtung geologischer Verhältnisse ebenfalls auf eine Verwerfung gebaut, aus diesem Grund rechtlich erfolgreich bestritten und ist heute stillgelegt.

Es geht im Kern um die Frage, wie geht Deutschland mit seinen Kulturschätzen um. Und: kann sich intelligente Politik korrigieren? Wenn sie es nicht kann, ist sie dann noch intelligent? Liebe Freundinnen und Freunde: alle Voraussetzungen, die einst zu der Planung und zum Baubeginn geführt haben, haben sich geändert. Gilt jetzt unter Rot-Grün auch schon das Motto: Augen zu und durch? Der kalte Krieg ist vorbei, es gibt keinen Bedarf mehr für eine Panzerrollbahn nach Fulda. Es gibt mehrere Autobahnen an die Nordseehäfen, und die B50neu wäre sogar ein Umweg. Der Flugplatz Hahn hat keine 10 Millionen Passagiere, wie 2005 noch vollmundig verkündet. Im Gegenteil, er hat die Schwindsucht, und wenn Ryan Air geht, ist die Messe gelesen. Wir haben laut IHK Trier, „nahezu Vollbeschäftigung“ in der Region. Wo bitteschön liegt denn dann der aktuelle Kosten/Nutzen Faktor? Was soll denn hier noch entwickelt werden? Im Gegenteil, man vergrault uns die besten Gäste!! Ist der Bau des Abschnitts II mit der Riesenbrücke überhaupt volkswirtschaftlich sinnvoll und verantwortbar? Wieso bekommen wir wenig oder gar keine Auskünfte und Unterlagen? Haben die Planungsbehörden Risiken und Schwachstellen des Projektes verschwiegen?

Das möchten wir und alle Freunde der Mosel gerne wissen. Wir werden aus allen Regionen Deutschlands, und darüber hinaus, dringlichst aufgefordert, diese Fragen zu stellen.

Wir brauchen, analog zu Stuttgart21, einen verbindlichen Stresstest, eine ergebnisoffene Mediation. Wir verstehen darunter eine öffentliche Anhörung von Experten, wobei alle relevanten Daten und Fakten auf den Tisch kommen. Auch die Möglichkeit des vorgeschlagenen Kompromisses, wo es kaum zu Regresszahlungen kommen wird, weil noch nichts gebaut ist, muss überprüft und erörtert werden. Die halbfertigen Grünbrücken könnten ev. stehen bleiben. Der Rückbau muss keine Millionen verschlingen. Die malen wir selber an. Es gibt weitere spannende Ideen für die sinnvolle Nutzung der Lösnicher Auffahrt. Die Kosten eines ungeprüften Weiterbaus könnten dagegen durchaus erheblich größer werden als die dargestellten, ungeprüften Ausstiegskosten. Auch wenn das Geld aus Berlin kommt, bleibt es Steuergeld. Die Mediation muss heute beschlossen werden. Das ist die Chance auf eine dauerhafte Befriedung des Konflikts. Solange diese brennenden Fragen nicht beantwortet werden, wird es an der Mosel keine Ruhe gegeben.

Lieber Daniel, ich höre noch deine Worte im Radio am Tage nach der Wahl: „Wir werden alles dafür tun, dieses unsinnige Project noch zu stoppen…“

Lieber Daniel, ihr müsst nicht alles für uns tun, soviel wollen wir nicht, eigentlich nur eines: Einen Stresstest. Eine Mediation. Soviel Zeit muss sein. Bei 10 Jahren Bauzeit kann es nicht auf 6 Wochen ankommen. Angesichts 700 maroder Straßen-Brücken in Rheinland-Pfalz muss jeder Neubau auf den Prüfstand. Ohne Ausnahme.

Wir haben mit der Prominenz unseres Themas den Grünen geholfen diese Wahl zu gewinnen. Vor der Wahl hat sich der gesamte Landesverband mit uns solidarisiert. Nun sehen wir uns als „regionales Verkehrsprojekt“ bagatellisiert, geopfert im Koalitionspoker, nicht Wert, um für unser gemeinsames Ziel mit ganzem Einsatz zu kämpfen.

Liebe Delegierte, wenn unser Vorstand nicht die Kraft zu einem Innehalten hat, kommt alles auf euch an. Was haben wir zu verlieren, außer ein paar Wochen Zeit. Ein solches, womöglich 1 Milliarde Euro teures Projekt, darf ohne gründliche Mediation nicht mehr gebaut werden. Sie wurde uns immer verweigert. Ihr habt heute eine historische, einmalige Chance: Bitte sorgt dafür, dass wieder mehr Transparenz, Gerechtigkeit, Solidarität und Intelligenz in die Politik einfließen kann. Dafür wurden die GRÜNEN einst gegründet. Heute wär ein guter Tag dafür.

Rudolf Trossen, Bio-Winzer, Mitglied Bündnis 90/Die Grünen und BI Pro-Mosel